Wie definiert sich Fortschritt in der Yogapraxis?

Einige Gedanken und Ausführungen für alle, die sich etwas näher mit Hatha Yoga beschäftigen möchten.

Teil 1

Ich beschäftige mich hier mit den ersten vier von acht Gliedern des Hatha Yoga Weges…

 

Yoga-Praktizierende streben nach Samadhi, der Selbstfindung. Gedanken, Emotionen, Blockaden und Spannungen sollen erforscht und gelöst werden, so dass wir lernen, uns zu konzentrieren und in der Meditation nach Innen schauen zu können.
Im Hatha und Raja Yoga beschreiten Yoginis (weibliche) und Yogis (männlich) den achtgliedrigen Pfad. Die Glieder sind in beiden Traditionen die gleichen, ihre Reihenfolge gestaltet sich in aber unterschiedlich.

 

Hatha Yoga beginnt mit dem Üben von Asanas, den Körperhaltungen. Diese verbessern das Körpergefühl und -bewusstsein, sorgen für Kraft, Flexibilität und Entspannung. So werden durch Verspannungen blockierte Körperbereiche harmonisiert und Prana (Energie, Lebenskraft) kann (wieder) frei durch Nadis (Engergiekanäle) in alle Körperregionen fließen. Wir lernen, Körperbewegungen zu steuern, indem wir wissen, welche Muskeln aktiv und welche passiv sein sollten. Diese Kontrolle und Konzentration ermöglicht es uns, Gedanken und Emotionen zu beruhigen. Yoga wird ohne Leistungsgedanke praktiziert, keine Vergleiche mit anderen Teilnehmern und auch nicht mit sich selbst. Jede Praxis ist anders, Tag, Uhrzeit, Körpergefühl und Gedankenwelt sind niemals gleich. Wir praktizieren mit der Denkweise eines Anfängers (oder Kindes), immer im Hier und Jetzt. Soweit die Idee. In den Augenblick finden wir durch Selbstbeobachtung (aber nicht Bewertung), mit Konzentration und einer spielerischer Vorgehensweise.

In Asanas fortgeschritten zu sein bedeutet, dass wir Blockaden in unserem Körper beseitigt haben, so dass Prana frei fließen kann, dass die Gelenke ihren vollen Bewegungsspielraum haben und wir unseren Körper kontrollieren können. Körperhaltungen fühlen sich tiefer an und sind gleichzeitig weniger anstrengend. Sie können detaillierter erforscht werden, es kann mehr Bewusstsein in die Asana-Praxis eingebracht werden, was Energie und Konzentration erfordert. Fortgeschrittene Schüler können länger in Haltungen verweilen, da die Kraft, Ausdauer und Leichtigkeit erlernt haben. Dies ist erforderlich, um in einer Haltung mit vollem Bewusstsein und voller Konzentration zu „sein“. Störende Gedanken können leichter identifiziert, akzeptiert und dann „zur Seite geschoben“ werden, ohne sich mit ihnen intensiver während der Praxis auseinanderzusetzen.

 

Pranayama, die Atemschulung,- 

ist eine fortgeschrittene Praxis. Ziel ist, Prana, die Lebenskraft, welche alle Funktionen des menschlichen Körpers bewahrt, zu erweitern und im Körper zu speichern. Um diese Energie optimal zu nutzen, sollte sie ungehindert im Körper zirkulieren. Wer gesund lebt und ohne größere Probleme entspannt, dessen Lebensenergie fließt ungehindert durch den Körper.

Spannungen und Blockaden durch zu viel Stress und Anspannung verhindern den freien Fluss von Lebensenergie. Pranayama Praktiken reinigen die Nadis, so dass Prana wieder zirkulieren und der Atem freier fließen kann.

Die Phasen der Ein- und Ausatmung verlängern sich mit zunehmender Praxis. Pranayama-Praktiken vermitteln zudem Konzentration und Disziplin.

Die Yoga-Tradition sieht Mudras (Gesten) ebenfalls als fortschrittliche Technik, um Energiekanäle freizugeben und die Zirkulation von Prana zu unterstützen. Sie erfordern ein hohes Bewusstsein für die entstehenden Energiekreise – mit nur zwei Fingern oder mit dem ganzen Körper. Auch hier wird Prana durch Konzentration und Fokussierung durch diese Kanäle bewegt. Dies erfordert Erfahrung, Übung und Sensibilität.
Bandhas (Muskelkontraktion) wirken sich positiv auf das Hormonsystem und das Nervensystem aus. Sie werden von fortgeschrittenen Yogis in Kombination mit Pranayama ausgeführt und haben eine pranische Wirkung. Sie begünstigen, dass Prana in Sushumna (dem primären Energiekanal) aufsteigt und öffnen Granthis (Blockaden). Das Ziel ist das Auflösen von muskulären und emotionalen Blockaden. Es erfordert Übung, da der Praktiker in der Lage sein muss, bestimmte Muskeln anzuspannen, welche er zuvor lokalisieren muss. Fortgeschrittenes Üben führt zu der Wahrnehmung auf subtileren Ebenen, weg von der physischen Ebene.

Fortschritt in Pratyahara bedeutet, in der Lage zu sein, die Sinne zurückzuziehen und sich bei Ablenkung (z.B. in einer lauten Umgebung) konzentrieren zu können. Anfänger finden dies oft  unmöglich, entwickeln diese Konzentrationsfähigkeit aber oft ziemlich schnell. Pratyahara ist die Verbindung zwischen der körperlichen und der geistigen Ebene, die Vorbereitung auf die Gedankenkontrolle, welche zur Konzentration (Dharana), dann zur Meditation (Dhyana) und Befreiung (Samadhi) führt.

Doch hierzu mehr in Teil 2.

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