Wie definiert sich Fortschritt in der Yoga-Praxis? Teil 2.

Einige Gedanken und Ausführungen für alle, die sich etwas näher mit Hatha Yoga beschäftigen möchten.

Heute beschreibe ich die vier weiteren Glieder des Hatha Yoga Weges…

(Du kennst die vier ersten noch nicht? Du findest sie hier)

Dharana (Konzentration) bedeutet die Aufmerksamkeit zu halten, sie auf einen Punkt, in eine Richtung zu lenken. Dieser Punkt bzw. dieses Objekt kann alles sein, aber es ist immer nur ein einzelnes Objekt. Dharana ist nur einen Schritt von Dhyana, Kontemplation oder Meditation entfernt.
Objekte für Dharana können der Atmung bzw. eine Pranayama-Technik, ein Mantra, ein Gegenstand, ein Gedanke sein. Alles, was uns hilft, die Konzentration auf unser Tun zu lenken und zu vergessen, dass wir versuchen, uns auf etwas zu konzentrieren. Möglich sind natürlich auch Aktivitäten wie Gartenarbeit, Spazierengehen, Tanzen, Nähen und Kochen. Alles, was mit absoluter Konzentration, Freude und Zufriedenheit getan wird, versetzt uns meistens in den Zustand, „im Moment“ zu sein. Wir vergessen, wie wir die letzten paar Minuten oder sogar Stunden verbracht haben. Wir sind voll und ganz in das involviert, was wir tun. Und vollkommen entspannt.

In diesem Zustand von Dharana tritt Pratyahara automatisch auf. Das Wort Pratyahara wird oft verwendet, um einfach zu beschreiben, was mit unseren Sinnen in einem Zustand des Dharana geschieht. Pratyahara ist das Ergebnis eines Zustandes von Dharana oder Dhyana oder Samadhi. In Patanjalis Yoga Sutras wird Pratyahara zuerst erwähnt. Weil es mit den Sinnen und nicht mit dem Verstand zu tun hat. Es ist daher äußerlicher als Dharana.

Meditation (Dhyana) ist das spontane Ergebnis der Konzentration des Geistes (Dharana). Konzentration kann geübt werden, Meditation jedoch nicht. Es tritt spontan auf, wenn der Geist still ist. In Dhyana wird eine Verbindung zwischen dem Selbst und dem Objekt hergestellt. Mit anderen Worten, wir nehmen ein bestimmtes Objekt wahr und durch die Konzentration „kommunizieren“ wir kontinuierlich mit ihm. Dharana muss Dhyana vorangehen, weil der Geist sich auf ein bestimmtes Objekt konzentrieren muss, bevor eine Verbindung hergestellt werden kann. Dharana ist der Kontakt und Dhyana ist die Verbindung.

 

Yamas (unser Umgang mit der Außenwelt) und Niyamas (der Umgang mit uns selbst) sind Hinweise für unser Verhalten gegenüber der Welt und uns selbst. Sie entwickeln sich mit der fortschreitenden Praxis von Hatha Yoga. Dies bedeutet, dass mit wachsender Erfahrung und Praxis entwickeln Praktizierende die (fast) ständige Selbstbeobachtung und Selbstkorrektur.

 

Yamas, bezieht sich auf den Umgang mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt. Es sind universelle Gesetze, die von Yogis befolgt werden sollten. Die meisten Menschen in der westlichen Welt sind mit der Idee aufgewachsen, zu gewinnen, erfolgreich und wettbewerbsfähig zu sein. Die acht Glieder des Hatha Yoga lehren eine andere Art des Bewusstseins. Wir lernen, ohne Wettbewerb zu agieren, anderen nicht zu schaden, auch nicht durch Gedanken, tolerant und achtsam gegenüber allen Lebewesen und der Natur zu sein. Somit beziehen sich die Yamas auch auf unsere Umwelt. Den achtsamen und sorgsamen Umgang mit natürliche Ressourcen ohne Gier und damit die Vermeidung von Schäden.

Yamas sind soziale Praktiken, auf welchen die Gesellschaft basiert.
• Ahimsa – Gewaltlosigkeit oder Nichtverletzung in Worten, Gedanken oder Taten, gegenüber allen Lebewesen und uns selbst. Selbstakzeptanz.
• Satya – Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit
• Asteya – nicht stehlen, nicht haben wollen. Vor allem, was uns nicht gehört.
• Brahmacharaya – maßvolles Handeln, auch in Hinsicht auf Sexualität. Keine Verschwendung.
• Aparigraha – ohne Gier, kein Besitz, der über die eigenen Bedürfnisse hinausgeht.

Niyama sind individuelle Verhaltensregeln, welche den Charakter des Praktizierenden entwickeln sollen. Ihnen zu folgen kann helfen, mehr über die eigene Person zu reflektieren und durch diese Selbstreflexion herauszufinden, ob der gewählte Lebensstil der richtige für sich selbst ist oder eher einer, der von Familie / Freunden usw. gewünscht bzw. für ihn gewählt wurde. Selbstakzeptanz funktioniert meist nicht, wenn wir im Wettbewerb stehen. Oft kritisieren wir uns bzw. unseren Körper, unseren Lebensstandard und unsere Leistungen. Weniger Identifikation und Vergleiche mit unseren Mitmenschen verhilft zu mehr Zufriedenheit und kann helfen, unsere Gesundheit zu schützen.
Besonders das Üben von Tapas  (Disziplin) ist ein Niyama, das dazu beitragen kann, bei guter Gesundheit zu bleiben und das eigene Selbst zu studieren (was ein Leben lang fortgesetzt werden muss). Das Entwickeln von Tapas kann das Vehikel für das Leben sein, da nichts und niemand uns wirklich antreiben kann. Wir können uns nur in dem vorwärts bewegen, was wir wirklich tun wollen.
Einige der Niyama sind schwer zu befolgen – in den meisten westlichen Gesellschaften ist die Reinheit des Körpers leicht zu erreichen, aber die Reinheit der Gedanken könnte schwieriger sein. Zufriedenheit zu erreichen ist für die meisten von uns nicht einfach. In einer von Geld und Erfolgsgeschichten beherrschten Welt voller wirtschaftlicher Versuchungen und in einem Jahrhundert, in dem alles möglich zu sein scheint, ist es schwierig, an der eigenen Art der Zufriedenheit festzuhalten, da sie von allen sehr unterschiedlich verstanden wird. Nicht „Mainstream“ zu sein, kann eine schwierige Erfahrung sein. Sich der eigenen Natur zu stellen, kann schwierig sein ebenso wie Gewohnheiten ändern, die wir an uns selbst nicht mögen.
Kleine Schritte nacheinander und ununterbrochen zu gehen, ist etwas, was die meisten Menschen lernen müssen.
Niyamas:
• Sauca – Reinheit, Sauberkeit. Innerlich und äußerlich, Körper, Geist und Umwelt.
• Santosa – Zufriedenheit und Wertschätzung für unser Leben, statt ständiges Verlangen nach für alles, was wir wir nicht haben.
• Tapas – Selbstdisziplin, das innere Feuer und Durchhaltevermögen, welches uns auch in schwierigen Lebensphasen antreibt, z.B. auch hinsichtlich unserer Selbstentfaltung.
• svadhaya – Selbststudium und -reflexion, die aufmerksame Begleitung des inneren Prozesses.
• Isvara Pranidhana – Vertrauen an eine höhere Kraft.

 

In Patanjalis Raja Yoga stehen die Yamas und Niyamas am Beginn der Praxis. Hatha Yoga hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Raja Yoga, allerdings auch mit der tantrischen Weltsicht. Es ist der körperliche Weg – und dies ist ein weiteres Thema.

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